Häßlicher geht’s nicht!

Der Nacktmull. Als Kuscheltier eher weniger gefragt. Medizinisch betrachtet aber hochspannend.

Von Dr. Andreas Bischof

Der Nacktmull (Heterocephalus glaber), ein 30-50 Gramm schweres Nagetier, lebt in Kolonien von 20 bis 300 Individuen in großen unterirdischen Bauten in den Halbwüsten Ostafrikas. Die Eusozialität genannte Lebensgemeinschaft, in der Nacktmulle leben, kennt man vor allem von Insekten wie z.B. Ameisen, ist bei Säugetieren jedoch sehr selten.

Seltenheiten bietet der Nacktmull viele. So kommt der Nacktmull überaus erstaunliche 18 Minuten lang ohne Sauerstoff aus, trotz seiner vergleichsweise kleinen Lungen. Denn sein besonderes Hämoglobin (roter Blutfarbstoff) hat eine enorm große Kapazität, Sauerstoff zu binden. Außerdem reduzieren Nacktmulle in Phasen verringerter Sauerstoffverfügbarkeit ihren Herzschlag von 300 Schlägen pro Minute auf nur 50 und stellen ihren Stoffwechsel in Sekundenschnelle von der üblichen Verbrennung von Glucose auf die Verbrennung von Fructose und anderen Zuckertypen um. Ist Sauerstoff wieder verfügbar, stellt er seinen Stoffwechsel einfach wieder auf Glucoseverbrennung zurück und fährt er seinen Herzschlag wieder hoch, so, als wäre nichts gewesen.

Außerdem können Nacktmulle, die übrigens auch nicht trinken, sondern das benötigte Wasser aus der Nahrung gewinnen, ihre ohnehin niedrige Stoffwechselrate in längeren Hungerperioden noch einmal um 25% senken. Des weiteren werden Nackmulle im Vergleich zu ähnlichen Nagetieren außerordentlich alt, 30 Jahre, teilweise auch sogar bis über 90 Jahre. Und damit ist die Auflistung der Besonderheiten von Nacktmullen bei weitem noch nicht komplett.

Warum interessiert sich die Medizin für Nacktmulle? Nacktmulle entwickeln – im Gegensatz zu anderen Säugetieren – fast nie Krebs und haben ein reduziertes Schmerzempfinden. Diese Eigenschaften machen Nacktmulle zu hochinteressanten Studienobjekten für die Krebs- und die Schmerzforschung.

So fehlt dem Nacktmull als einzigem Säugetier die so genannte Substanz P in der Haut, ein aus nur 11 Aminosäuren bestehendes, körpereigenes Molekül, das auf noch ungeklärte Weise am Schmerzempfinden beteiligt ist. Bringt man Labormulle durch Einschleusen des entsprechenden Gens zur Produktion der Substanz P, steigt ihre Schmerzempfindlichkeit deutlich an. Von daher eignen sich Nacktmulle, wie bereits erwähnt, nicht nur gut zur bereits erwähnten Erforschung der Entstehung von Schmerzen, sondern auch zur Erforschung ihrer Linderung durch neue Medikamente.

Dies weiß natürlich auch die Wissensmaschine Google. Warum sich Googles Mutterkonzern Alphabet mit Nacktmullen beschäftigt, lesen Sie im nächsten Blogbeitrag.