Klassisch defensiv

Klassich Defensiv

Gesundheitsbranche » Vor allem der Biotechboom hat Investments in Healthcare einen Höhenflug beschert. Doch nicht alle Anleger möchten die damit verbundenen Risiken eingehen. Wo sie fündig werden

von Julia Gross

Früher war alles etwas einfacher: Wer Autos herstellte, gehörte zur Automobilbranche. Software, das war vor allem Microsoft. Und die Gesundheitsbranche stand für konjunkturunabhängige, schwankungsarme und todlangweilige Investments.

Heute plant Apple Autos, und die innovativsten Fahrzeuge stammen von Tesla, dem Startup eines Internetmilliardärs, der nebenbei Raketen baut. Statt von Software spricht man von Apps, die es wie Sand am Meer gibt. Und der Healthcare-Sektor zählte in den vergangenen Jahren stets zu den Top-Performern an der Börse. In der Crashwoche im August gab der MSCI-Health-Care-Index allerdings um zwölf Prozent nach — genauso viel wie der DAX.

Nicht nur angesichts der jüngsten Turbulenzen an den Märkten suchen viele Anleger defensive Aktieninvestments. Die konservative Ausrichtung, für die der Gesundheitssektor ursprünglich stand, entspricht ihrem Risikoprofil. Doch passende Investments, vor allem Fonds, sind gar nicht so leicht zu finden.

Das liegt vor allem an der Dominanz von Medikamentenherstellern in den Gesundheitsfonds-Portfolios. Sie zählen zwar ohne Zweifel zu den profitabelsten Unternehmen der Branche, doch die rasante Entwicklung der Biotechnologie hat den Sektor stark verändert.

Die Aktien der zahlreichen mittelgroßen und kleineren Biotechunternehmen zeigen ganz andere Charakteristika als die der etablierten Pharmaindustrie: „Biotechaktien sind sehr Trigger-getrieben. Ihre Entwicklung steht und fällt mit den klinischen Daten zu ihren Medikamentenkandidaten. Sind die positiv, explodiert der Kurs, sind sie negativ, bricht er ein“, sagt Andreas Bischof, Manager des Nova Steady HealthCare Fonds.

Hinzu kommt: Inzwischen ist es schwierig geworden, eine klare Grenze zwischen etablierten Pharmariesen und Biotech-Newcomern zu ziehen. Ursprünglich stand Biotech für Produzenten biotechnologisch hergestellter Medikamente. In der Regel handelt es sich dabei um Eiweißmoleküle, die von gentechnisch veränderten Zellen in Fermentern produziert werden. Im Gegensatz dazu bestehen Arzneimittel wie Aspirin aus viel kleineren chemischen Verbindungen. Doch längst setzen auch große Pharmakonzerne auf die sogenannten Biologicals. Umgekehrt ist zum Beispiel der Blockbuster Sovaldi gegen Hepatitis C von der Biotechperle Gilead ein klassisches „small molecule“ wie die berühmte Kopfschmerztablette.

Auch die Einstufung „Biotech gleich hohe Wachstumsraten“ funktioniert nur mäßig. Viele der großen Biotechs entwickeln sich längst mit einer ähnlichen Dynamik wie Roche, Novartis und Co. Dagegen zählen manche Branchendienste neuerdings die fast 160 Jahre alte Bristol-Myers Squibb zur Biotechnologiebranche — dank innovativer Krebsmedikamente wird die US Firma ihren Gewinn in den kommenden fünf Jahren um knapp 18 Prozent jährlich steigern.

Verstecktes Risiko
Die Folge: Längst steckt auch in Gesundheitsfonds, die kein „Biotech“ im Namen tragen, Biotech drin. Besonders wenn sie bei der Performance ganz vorn liegen, ist der Anteil häufig weit höher als im MSCI Global-Health-Care-Index (dort beträgt er rund 16 Prozent). Mit den entsprechenden Nachteilen, was Risiko und Volatilität anbelangt.

Ein Extrembeispiel ist der RH&F Global Lifescience: Die zehn größten Positionen im Fonds, das entspricht über 40 Prozent des Portfolios, sind aktuell ausnahmslos typische Biotechfirmen. Die Volatilität liegt im Kategorievergleich der Fondsdatenbank von €uro am Sonntag entsprechend weit über dem Durchschnitt.

Dabei geht es auch anders. Der NN (L) Health Care Fonds liegt beispielsweise bei der Performance über drei und fünf Jahre jeweils unter den zehn besten Fonds der Kategorie „Pharma und Gesundheit“. Er schneidet aber auch bei der Volatilität über drei und fünf Jahre und dem Sharpe-Ratio, einem Maß für das im Vergleich zur Rendite eingegangene Risiko, sehr gut ab. „Das ist letztlich eine zufällige Folge unseres Stock-Picking-Ansatzes“, sagt Manager Paul Vrouwes. „Wir entscheiden allein aufgrund von Fundamentaldaten sowie dem Momentum und der Bewertung, ob wir in ein Unternehmen investieren.“

Momentan führt diese Strategie zu einem mit knapp 30 Prozent vergleichsweise hohen Anteil an Firmen, die keine Medikamente entwickeln — womöglich ein weiterer Faktor für das gute Chance-Risiko-Verhältnis. Denn zum Gesundheitssektor zählen noch diverse weitere Branchen, von Anbietern von Labormaterialien über Krankenversicherer und Krankenhausbetreiber bis hin zu Logistik- und IT-Anbietern. „Es gibt weltweit rund 1500 börsennotierte Pharma- und Biotechfirmen — und 1500 Unternehmen, die in anderen Bereichen des Gesundheitssektors tätig sind“, erklärt Andreas Bischof.

Viele dieser Firmen landen selten in den Schlagzeilen, haben aber nachhaltige, langfristige Wachstumsaussichten vorzuweisen. Etwa der US-Konzern Cerner, der IT-Lösungen für Krankenhäuser anbietet und bis 2018 seinen Umsatz um mehr als zehn Prozent jährlich steigern wird. Oder das Analyseunternehmen Eurofins, das gerade seine Jahresprognose um mehr als zehn Prozent angehoben hat.

Solche Titel zu finden, die „alte“ Eigenschaften des Gesundheitssektors besitzen, kostet mehr Mühe als früher. Doch es lohnt sich nach wie vor.

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