Halluzinationen statt Depressionen?

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Das Halluzinogen Psilocybin ist vermutlich nur den experimentierfreudigeren Charakteren unter den Lesern vertraut. Dies könnte sich künftig ändern, denn zwei namhafte medizinische Institutionen haben begonnen, sich ernsthaft mit Psilocybin zu befassen.

Von Dr. Andreas Bischof

Als erstes hat das Imperial College in London im April dieses Jahres mit ca. GBP 3 Mio. an privaten Spenden ein Zentrum zur Erforschung etwaiger medizinischer Verwendungsmöglichkeiten von Halluzinogenen eingerichtet. Gefolgt ist 5 Monate später im September die School of Medicine der John Hopkins University, Baltimore, die mit USD 17 Mio. an Spenden von vermögenden Privatpersonen und der Steven & Alexandra Cohen-Stiftung das „Center for Psychedelic and Consciousness Research“ gegründet hat.

Halluzinogene haben – auch aufgrund ihrer Gefahren – in der medizinischen Forschung bisher eher ein Nischendasein gefristet. Möglicherweise zu Unrecht, denn es existieren durchaus erste Hinweise, die es rechtfertigen, die Möglichkeit der medizinischen Verwendung von Halluzinogenen gründlicher zu erforschen.

Eines dieser Halluzinogene, Psilocybin, findet sich beispielsweise im Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata), einem Pilz, der in Wiesen Mitteleuropas relativ häufig vorkommt (siehe Foto).

Von Nutzen sein könnten Halluzinogen beispielsweise in der Therapie schwerer, behandlungsresistenter, chronischer Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörungen sein. Eventuell eignet sich Psilocybin darüber hinaus skurrilerweise ausgerechnet für die Behandlung von Süchten und Abhängigkeiten, z.B. von Opiaten, die alleine in den USA in den letzten zwei Jahrzehnten 400.000 Todesopfer gefordert haben.

Bei Nikotinabhängigkeit konnte in ersten, kleinen Studien gezeigt werden, dass die Abstinenzquote bei der Verwendung von Psilocybin auf 50% anstieg, gegenüber einer Quote von ca. 32% bei der Verwendung von Nikotinpflastern.

Einer der Vorteile Psilocybins, den diese und andere Studien zu Tage gefördert haben, liegt darin, dass Psilocybin immer zu wirken scheint, also unabhängig davon, von welcher Substanz die Probanden abhängig sind – im Gegensatz zu anderen Substanzen, die zur Suchtentwöhnung eingesetzt werden.

Ganz gleich, wie die eventuelle, medizinische Nutzbarmachung von Halluzinogenen künftig aussehen könnte: Wichtig ist, dass die entsprechende Forschung derzeit noch in den Kinderschuhen steckt und noch viele Jahre benötigen wird, um anwendbare Resultate zu produzieren – wenn überhaupt.

Dennoch handelt es ich dabei um ein hochspannendes, größtenteils noch unbearbeitetes Gebiet, das sicherlich faszinierende Einsichten in die Funktionsweisen des Gehirns und des Bewusstseins generieren wird. Von daher lohnt es sich, dieses Thema in jedem Fall weiter zu beobachten.

Oder, in Abwandlung des berühmten Zitats des Psychologen und Hippie-Gurus Timothy Leary, der in den sechziger und siebziger Jahren den freien Zugang zu bewusstseinsverändernden Drogen forderte: Turn on, tune in, but don’t drop out!