Corona-Wirkstoff aus Tübingen

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Mit Hochdruck arbeiten Wissenschaftler weltweit an einem Wirkstoff gegen COVID-19. Das Feld ist unübersichtlich. Macht ein Wirkstoff aus Tübingen das Rennen?

Von Dr. Andreas Bischof

Fieberhaft arbeiten Tausende Wissenschaftler rund um den Globus in Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Biotech- und Pharmafirmen an einem Wirkstoff gegen das Cornonavirus, bzw. gegen die von ihm ausgelöste Erkrankung COVID-19.

Doch welcher unter den Dutzenden von Medikamentenkandidaten wird die „Erlösung“ von Kontaktbeschränkungen etc. pp. bringen und eine Rückkehr zur Normalität ermöglichen? Hier präsentieren wir einen Medikamentenkandidaten, den wir sehr spannend finden.

Dieser Wirkstoffkandidat hört auf den spröden Namen „ATR-002“ und wird vom Tübinger Biotechnologieunternehmen Atriva Therapeutics entwickelt. ATR-002 inhibiert („unterbricht“) eine biochemische Signalkaskade, die so genannte „MEK-Signalkaskade“. Diese Signalkaskade existiert in den Zellen eines jeden Menschen, ganz gleich ob gesund oder krank, mit SARS-CoV-19 infiziert oder nicht. Und erfüllt dort auch in gesunden Menschen ihre „Aufgabe“, auf die einzugehen den Rahmen dieses kurzen Artikels sprengen würde.

Wie gesagt unterbricht ATR-002 diese immer vorhandene, „normale“, biochemische Signalkaskade im Körper (Lungengewebe) von Menschen, die mit SARS-CoV-19 infiziert sind. Das Coronavirus ist jedoch darauf angewiesen, dass diese Signalkaskade funktioniert, ansonsten kommt es nicht zur Vermehrung des Virus in der Lunge und somit auch nicht zur Erkrankung des Patienten. Und gerade die Unterbrechung der normalen Funktion dieser Signalkaskade gelingt ATR-0002, so zumindest die Hoffnung von Atriva.

Warum finden wir gerade diesen Wirkstoffkandidaten spannend? Weil er an der „normalen“ Biochemie der Patienten ansetzt, und gerade nicht am Virus selbst. Dies ist etwas Besonderes, denn weltweit existieren nur sehr wenige Wirkstoffkandidaten gegen SARS-CoV-19, die direkt an der Biochemie des Patienten ansetzen, und bei der MEK-Signalkaskade scheint ATR-002 sogar allein auf weiter Flur zu sein.

Führt ATR-002 zum Durchbruch bei COVID-19? Das ist seriös kaum vorherzusagen. Aber für den kommerziellen Erfolg dieses Moleküls auch vielleicht gar nicht so entscheidend. Denn ATR-002 wirkt, da es eben an der körpereigenen, „immer vorhandenen“ Biochemie des Menschen ansetzt und gerade nicht spezifisch gegen ein spezielles Virus wirkt, eventuell (auch) gegen Infektionen mit anderen Viren.

Und da wird es richtig spannend: Denn selbst, wenn ATR-002 im Kampf gegen das Coronavirus kein „Kassenschlager“ werden sollte, so hat ATR-002 die Chance, das ohnehin nicht allzu große Arsenal an antiviralen Wirkstoffen zu bereichern. Denn präklinische Studien haben gezeigt, das es möglicherweiser auch gegen Influenza A und B, also die Auslöser der (echten) Grippe, an der in der Grippesaison 2018 allein in Deutschland ca. 25.000 Menschen gestorben sind, wirken könnte, und zusätzlich außerdem auch gegen Hantaviren, das so genannte Respiratory Syncytial Virus (RSV) und gegen Dengueviren, um nur einige der der mögliche Einsatzgebiete von ATR-002 zu nennen.

So oder so: Bleiben Sie gesund!