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88 Milliarden US-Dollar. So viel Geld liehen sich Amerikaner im letzten Jahr, um ihre Arztrechnungen zu bezahlen, hat kürzlich eine Umfrage ergeben.

Von Dr. Andreas Bischof

Hier präsentieren wir kurz fünf Ergebnisse einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Gallup und die non-profit-Organisation West Health im Jahr 2019 unter 3.500 zufällig ausgewählten Amerikanern durchgeführt hat.

USD 2.236 pro Kopf mussten sich im letzten Jahr ca. 39,4 Mio. Amerikaner, also ca. 12% der amerikanischen Bevölkerung, leihen, um ihre Arztrechnungen und ähnliches zu begleichen.

Angst Ca. 50% der Amerikaner fürchten, dass sie in einer medizinischen Notsituation in die Privatinsolvenz geraten könnten. Diese Angst teilt selbst ein Drittel der US Haushalte mit einem Jahreseinkommen von über USD 180.000.

Dann lieber nicht erst gar nicht zum Arzt gehen So unterlässt einer von vier Amerikanern aus Kostengründen notwendige Behandlungen lieber gleich komplett.

Das amerikanische Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt, das denken zumindest 67% der Wähler der Republikanischen Partei, jedoch nur 38% der Wähler der Demokraten.

Volksvertreter sind unfähig, die steigenden Gesundheitsausgaben in den Griff zu bekommen, denken 70% der Teilnehmer dieser Umfrage relativ unabhängig davon, zu welcher Partei sie neigen.

Die Gesundheitssysteme in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind so schlecht nicht, wie die Ergebnisse dieser Umfrage in den USA verdeutlichen.

Erledigt Apple nun auch EKG-Hersteller?

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Haben Sie eine AppleWatch? Vor wenigen Tagen wurde in Deutschland mit dem Update des Betriebssystems auf iOS12.2 die Elektrokardiogramm- (EKG-) Funktion der AppleWatch freigeschaltet. Können Hersteller von EKG-Geräten nun einpacken?

Von Dr. Andreas Bischof

iOS12.2 macht’s möglich Aktualisieren Sie das Betriebssystem Ihres iPhones auf die neueste Version iOS 12.2 und anschließend das ihrer Apple-Uhr auf watchOS 5.2. Aktivieren Sie die EKG-App auf Ihrer Uhr, drücken 30s lang deren Krone, und die Uhr erstellt ein EKG (dessen I-Ableitung, genauer gesagt). Dieses zeigt, ob Ihr Herz gleichförmig schlägt, oder ob Sie eventuell unter potentiell lebensgefährlichem Vorhofflimmern leiden.

Konnte dies die AppleWatch nicht schon vorher? Nein. Die HighTech-Uhr mißt Herzfrequenz und Vorhofflimmern mit zwei verschiedenen Apps und Techniken: Vorhofflimmern wird, wie gesagt, anhand eines EKGs und mittels der Krone der Uhr gemessen, während der Pulsschlag mittels eines Infrarot-Sensors im Boden der Uhr gemessen wird.

Apples Herz-Studie mit über 419.000 Probanden Die Freischaltung der EKG-App erfolgte, nachdem Apple die Ergebnisse seiner sehr großen Studie mit über 419.000 Apple Watch-Trägern am 16. März 2019 während des renommierten American College of Cardiology-Kongresses in New Orleans präsentiert hatte.

Erfreulich hohe Meßgenauigkeit Unter anderem wurden in dieser Studie ca. 3% aller Studienteilnehmer über 65 Jahren von ihrer Apple-Uhr über unregelmäßigen Herzschlag informiert, welches in etwa der Häufigkeit von Arhythmien in dieser Altersgruppe entspricht. Die Probanden, deren Apple-Watch ein Arhythmie-Signal gegeben hatte, wurden anschließend mit einem konventionellen EKG untersucht. Dabei zeigte sich, dass Apples Uhr in „nur“ ca. 16% der Fälle falschpositive Signale produzierte – ausreichend gut, um kein Hindernis für eine breite Adoption dieser Funktionalität darzustellen.

Können Hersteller von EKG-Geräten nun einpacken? Ein klares Nein. Ganz im Gegenteil: Die Technik, die in Apples Uhr eingesetzt wird, ist denjenigen Meßtechniken, die Ihr Arzt einsetzt, klar unterlegen, sowohl, was die Präzision, als auch was ihre diagnostische Aussagekraft betrifft. Anleger brauchen ihre Aktien von Firmen wie beispielsweise Philips, Medtronic und iRhythm deshalb also nicht zu verkaufen.

Ganz im Gegenteil Kein Arzt würde sich ausschließlich auf das Mikro-EKG der AppleWatch verlassen, sondern die Signale, die die Uhr ihrem Besitzer gegeben hat, im Nachhinein mit professionellen Geräten verifizieren. Insofern ist Apples Uhr kein Ersatz für etablierte EKGs, sondern vielmehr ein neuartiges Screening, die die Anzahl professioneller EKGs eher erhöhen sollte.

Warum ist Apples EKG medizinisch dennoch wichtig? Weil vor allem asymptomatische „Vorhofflimmerer“ davon profitieren können. Allein in den USA existieren neben den ca. 5,5 Millionen Vorhofflimmerern, die Symptome zeigen und daher ärztlich behandelt werden, ca. 5 Millionen asymptomatische Vorhofflimmerer, die wegen des Fehlens jedweder Symptome keinen Arzt aufsuchen. Nichtsdestotrotz leiden diese Menschen an einer ernsthaften Erkrankung.

Apples Uhr ermöglicht also die Identifikation asymptomatischer Vorhofflimmerer, bevor es zu spät ist. Das kann nur gut sein. Und die Uhrzeit zeigt sie auch an.

Völlig schmerzfrei

Eine 71jährige Schottin hatte noch nie Schmerzen. Die Geburt ihrer Kinder empfand sie als „Kitzeln“. Denn Jo Cameron hat kein Schmerzempfinden. Wissenschaftler sind diesem Phänomen nun auf den Grund gegangen.

Von Dr. Andreas Bischof

Seit Jahrzehnten dokumentiert die Wissenschaft Fälle von Menschen, die gar kein oder ein nur sehr geringes Schmerzempfinden haben. Bei Ms. Cameron, die in der Nähe von Loch Ness lebt, begann die Recherche nach den Ursachen ihrer erstaunlichen Schmerzunempfindlichkeit, als sie sich vor 5 Jahren einer sehr schmerzhaften Handoperation unterzog, im Nachgang zur großen Überraschung ihres Arztes aber wegen völliger Schmerzlosigkeit überhaupt keine Schmerzmittel benötigte.

Im Alter von 65 Jahren wurde ihr ein künstliches Hüftgelenk implantiert. Während andere Patienten mit osteoarthritischen Schäden im Hüftgelenk unter großen Schmerzen leiden, hatte sie gar nicht bemerkt, dass ihr Hüftgelenk stark geschädigt war und ein Implantat benötigte. Häufig muss ihr Ehemann Ms. Cameron sagen, dass sie sich gerade verbrannt oder geschnitten hat. So ist ein fehlendes Schmerzempfinden trotz der ganz offensichtlichen Vorzüge eine durchaus gefährliche Angelegenheit, insbesondere im Kindesalter. Zusätzlich zur Schmerzlosigkeit hat Ms. Cameron in ihrem Leben nie Angst empfunden und Wunden heilen bei ihr außerordentlich schnell.

Die Erklärung für Ms. Camerons Schmerzlosigkeit wurde gestern im British Journal of Anaesthesia veröffentlicht (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0007091219301382#!). Wie genetische Untersuchungen eines Forscherteams um James Cox, Molecular Nociception Group, University College London, zeigten, hat Ms. Cameron gleich zwei Mutationen in einem bisher unbekannten Gen namens FAAH-OUT.

Durch diese beiden Mutationen (eine Microdeletion und ein Single-Nucleotide-Polymorphism) im Gen FAAH-OUT produziert ihr Körper das Enzym fatty-acid amide hydrolase (FAAH) in sehr viel geringeren Mengen und zudem in einer nicht-funktionsfähigen Form. Noch nicht bekannt ist jedoch, in welcher Weise das mutierte, neu entdeckte Gen FAAH-OUT die Funktion des FAAH-Gens und / oder die körpereigen Produktion des Enzyms FAAH, das eine Schlüsselrolle in der Schmerzentstehung zu spielen scheint, beeinträchtigt.

Klinische Studien mit FAAH-Inhibitoren als Schmerzmittel sind bisher gescheitert, weshalb es möglicherweise vielversprechender ist, in künftigen Studien nicht FAAH, sondern FAAH-OUT als Angriffspunkt (drug target) für ein neues Schmerzmittel zu verwenden. Sicher keine einfache Aufgabe, aber it’s worth the pain!

Google und die Nacktmulle

Warum besitzt Google 90% der Labormulle weltweit? Wie in unserem letzten Blogbeitrag beschrieben, sind Nacktmulle zwar keine besonders possierlichen Tiere, aber dennoch hochinteressante Studienobjekte für die Medizin. Das weiß natürlich auch die Wissensmaschine Google.

Von Dr. Andreas Bischof

Googles biotechnologische Schwester So hat Googles Mutterkonzern Alphabet 2013 eine Tochterfirma namens California Life Company, kurz Calico, gegründet. Calico, die mittlerweile mehr als 150 Mitarbeiter beschäftigt, arbeitet nicht etwa an einem neuen digitalen Geschäftsmodell, sondern konzentriert sich auf interdisziplinäre Forschungsaktivitäten in den Bereichen Gesundheit, Langlebigkeit und Wohlbefinden, ist also vor allem in den Bereichen Lebenswissenschaften und Medizin verortet.

Alter, Krebs und Schmerzen sind somit Forschungsschwerpunkte von Calico, das dafür die in unserem letzten Blogbeitrag beschriebenen Besonderheiten der Nacktmulle nutzt, insbesondere ihre sehr geringe Anfälligkeit für Krebs, ihr reduziertes Schmerzempfinden und ihre erstaunliche Langlebigkeit.

Big Data + Big Pharma Vor diesem Hintergrund kooperiert Calico seit 2014 mit dem US Pharmaunternehmen AbbVie. Im Rahmen dieser Kooperation entwickelt Calico Medikamentenkandidaten bis zum Ende der klinischen Phase 2a, wonach AbbVie die Option hat, die weitere Entwicklung und die Kommerzialisierung der daraus entstehenden Medikamenten zu übernehmen. Calico werden dafür von AbbVie und Alphabet über die Jahre hinweg bis zu USD 2,5 Mrd. zur Verfügung gestellt. An Geld mangelt es also erst einmal nicht.

Auch die hochkarätige Riege der Calico-Gründer und Manager läßt aufhorchen, bestehend aus dem Molekularbiologen Dr. Arthur Levinson, von 1995-2009 Vorstandvorsitzender von Genentech, eines der erfolgreichsten Biotechunternehmen weltweit, dem Genetiker Dr. David Botstein, Professor für Genomik an der Princeton University und Inhaber zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen, Dr. Cynthia Kenyon, einer führenden Forscherin zur Molekularbiologie des Alterns und der Langlebigkeit, sowie Dr. Robert Cohen, der während seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit bei Genentech viele der revolutionären Medikamente des Unternehmens mitentwickelt hat.

Nacktmulle, ein Internetgigant und ein Pharmaunternehmen, sicher eine ungewöhnliche Konstellation. Aber wer Besonderes erreichen will, muss auch Besonderes tun. Sicher lohnt es sich, künftig ein Auge auf Calico zu haben.

Häßlicher geht’s nicht!

Der Nacktmull. Als Kuscheltier eher weniger gefragt. Medizinisch betrachtet aber hochspannend.

Von Dr. Andreas Bischof

Der Nacktmull (Heterocephalus glaber), ein 30-50 Gramm schweres Nagetier, lebt in Kolonien von 20 bis 300 Individuen in großen unterirdischen Bauten in den Halbwüsten Ostafrikas. Die Eusozialität genannte Lebensgemeinschaft, in der Nacktmulle leben, kennt man vor allem von Insekten wie z.B. Ameisen, ist bei Säugetieren jedoch sehr selten.

Seltenheiten bietet der Nacktmull viele. So kommt der Nacktmull überaus erstaunliche 18 Minuten lang ohne Sauerstoff aus, trotz seiner vergleichsweise kleinen Lungen. Denn sein besonderes Hämoglobin (roter Blutfarbstoff) hat eine enorm große Kapazität, Sauerstoff zu binden. Außerdem reduzieren Nacktmulle in Phasen verringerter Sauerstoffverfügbarkeit ihren Herzschlag von 300 Schlägen pro Minute auf nur 50 und stellen ihren Stoffwechsel in Sekundenschnelle von der üblichen Verbrennung von Glucose auf die Verbrennung von Fructose und anderen Zuckertypen um. Ist Sauerstoff wieder verfügbar, stellt er seinen Stoffwechsel einfach wieder auf Glucoseverbrennung zurück und fährt er seinen Herzschlag wieder hoch, so, als wäre nichts gewesen.

Außerdem können Nacktmulle, die übrigens auch nicht trinken, sondern das benötigte Wasser aus der Nahrung gewinnen, ihre ohnehin niedrige Stoffwechselrate in längeren Hungerperioden noch einmal um 25% senken. Des weiteren werden Nackmulle im Vergleich zu ähnlichen Nagetieren außerordentlich alt, 30 Jahre, teilweise auch sogar bis über 90 Jahre. Und damit ist die Auflistung der Besonderheiten von Nacktmullen bei weitem noch nicht komplett.

Warum interessiert sich die Medizin für Nacktmulle? Nacktmulle entwickeln – im Gegensatz zu anderen Säugetieren – fast nie Krebs und haben ein reduziertes Schmerzempfinden. Diese Eigenschaften machen Nacktmulle zu hochinteressanten Studienobjekten für die Krebs- und die Schmerzforschung.

So fehlt dem Nacktmull als einzigem Säugetier die so genannte Substanz P in der Haut, ein aus nur 11 Aminosäuren bestehendes, körpereigenes Molekül, das auf noch ungeklärte Weise am Schmerzempfinden beteiligt ist. Bringt man Labormulle durch Einschleusen des entsprechenden Gens zur Produktion der Substanz P, steigt ihre Schmerzempfindlichkeit deutlich an. Von daher eignen sich Nacktmulle, wie bereits erwähnt, nicht nur gut zur bereits erwähnten Erforschung der Entstehung von Schmerzen, sondern auch zur Erforschung ihrer Linderung durch neue Medikamente.

Dies weiß natürlich auch die Wissensmaschine Google. Warum sich Googles Mutterkonzern Alphabet mit Nacktmullen beschäftigt, lesen Sie im nächsten Blogbeitrag.